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Thesen sind keine Wahrheiten

Thesen sind keine Wahrheiten

Wissenschaftler und Forscher leben von spektakulären Entdeckungen und Schlussfolgerungen. Besonders neue Erkenntnissen der menschlichen Natur werden sofort von Medien und Lesern als „Wahrheiten“ adaptiert – denn was gibt es Überzeugenderes als eine wissenschaftliche Wahrheit?

Ein britischer Neurowissenschaftler hat allerdings herausbekommen, dass sich die plausibelsten Erkenntnisse der Psychologie häufig nicht mehr bestätigen lassen.

Psyche ist schwierig zu messen

Damit sollen die vorliegenden Erkenntnisse keinesfalls widerlegt werden. Es zeigt sich aber, dass sich besonders psychologische Erkenntnisse schwer wissenschaftlich messen lassen. So führen Tests mit neuen Probanden häufig zu ganz anderen Ergebnissen.

Entwicklung des Menschen ist unbeständig

So galt bisher, dass der Gesichtsausdruck, die Mimik, ein Spiegelbild unserer Seele ist. Lange schien gesichert, dass die Stimmung eines Menschen am Gesicht abzulesen ist. Dies gilt auch umgekehrt: Wer sich also bemüht, stets lächelnd durch den Tag zu kommen, erhöht damit auch seine persönliche Stimmung. So zumindest die Forschungsergebnisse aus den Achtzigerjahren. Nun wurden diese Tests mit fast 2000 Probanden in 17 Versuchslabors wiederholt – ohne diese Zusammenhänge zwischen Mimik und Stimmung belegen zu können.

Manche Studien scheinen Thesen beweisen zu müssen

2005 versuchten Psychologen mit dem sogenannten „Kuschelhormon“ Oxytocin zu beweisen, dass Menschen in geborgener Stimmung vertraulicher miteinander umgehen. So schienen Menschen, die dieses Hormon in die Nase gesprüht bekamen, eher bereit, Fremden zu vertrauen und ihnen sogar Geld anzuvertrauen. Seitdem galt Oxytocin als „moralisches Hormon“. 2005 wurde die Studie wiederholt und es zeigte sich zwar, dass damit durchaus eine vertrauensfördernde Wirkung zu erzielen ist – aber eben nicht bei allen Menschen. In bestimmten Situationen löst Oxytocin sogar negative Emotionen wie Neid aus oder führt gar zu Aggressionen und zu gewalttätigem Verhalten.

Passen individuelle Menschen auf suggestive Studien?

2014 haben Forscher bestätigt, dass die Willenskraft Menschen nur begrenzt zur Verfügung steht und irgendwann aufgebraucht scheint. Darauf kam man, nachdem Probanden offenbar leichter schwierige Aufgaben lösen konnten, nachdem zuvor leichte Aufgaben bewältigt wurden. Als diese Tests wiederholt wurden, ergab sich kein vergleichbarer Effekt. Vielmehr schien bestätigt, dass es sich bei Willenskraft um eine individuelle Eigenschaft handelt – von dem der eine mehr, andere eben weniger verfügt.

Wo liegen die Grenzen der Wissenschaft?

Auch viele weitere Tests, die zu unwiderruflichen Erkenntnissen führten, belegen nach Wiederholungen Zweifel oder gegenteilige Ergebnisse. Was an mehreren Faktoren liegen kann – entweder veränderten sich die Verhältnisse der Tests oder die Situationen der Probanden. Zumindest scheint bewiesen, dass auch Erkenntnisse der Wissenschaften zu keinen beständigen Gesetzen führt, sondern stets neu geprüft werden müssen. Denn die Welt und ihre Zusammenhänge unterliegen der ständigen Veränderung, des Wechsels und des Wandels.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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