Produktiv

Suche nach Londons Nachfolger

Während viele Briten, insbesondere in London, sich über den Ausgang des Brexit schockiert zeigen, freuen sich Dritte: Frankfurter Immobilienvermittler und Anwaltskanzleien wittern bereits das Geschäft ihres Lebens – doch sie sind nicht allein.

Es geht um über 20.000 Arbeitsplätze, wenn innerhalb der nächsten zwei Jahre das europäische Finanzzentrum von London verlagert wird. Leitwolf ist die europäische Bankenaufsicht EBA. Doch ist im Moment nicht klar, ob die EBA dann auch tatsächlich nach Frankfurt umziehen und Nachfolger Londons wird.

Auch Luxemburg, Dublin oder Paris

Entscheidend für das neue europäische Finanzzentrum sind nicht nur regulatorische sowie steuerliche Fragen, sondern auch Mitarbeiter-Faktoren wie die Sprache, Infrastruktur und das Schulangebot. Insider sprechen bereits von einem entbrannten Standortwettbewerb. So bietet auch Luxemburg aufgrund der schnellen Umsetzung von EU-Recht und einer unkomplizierten Verwaltungspraxis Vorteile. Aufgrund der englischen Sprache könnte ebenso Dublin punkten, wo zudem eine Unternehmenssteuer von gerade einmal 12,5 Prozent lockt. Aber auch Paris macht sich große Hoffnungen.

Frankfurt verfügt über Platz und Standortvorteile

Als Standortvorteil Frankfurts gilt, dass die Stadt über die größte europäische Volkswirtschaft sowie den Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) verfügt. Außerdem verfügt die Stadt über die europäische Versicherungsaufsicht und die deutsche Börse. Kenner der Finanzmärkte halten den Optimismus am Main für durchaus gerechtfertigt und gehen fest davon aus, dass es in Frankfurt zu einem Arbeitsplatzaufbau kommt. Und da der Frankfurter Immobilienmarkt relativ übersichtlich ist, würden sich die rund 20.000 Arbeitsplätze deutlich bemerkbar machen. Zurzeit sind am Standort Frankfurt etwa 62.500 Bankbeschäftigte beschäftigt, rund 11 Prozent der zur Verfügung stehenden Büroflächen stehen leer. Im Frankfurter Finanzdistrikt entstehen momentan bereits mehrere neue Bürotürme, Platz für weitere Gebäude soll vorhanden sein.

Effekte der Abwanderung übertrieben?

Doch es gibt auch mahnende Stimmen, die eine grenzenlose Vorfreude für verfrüht halten. Martin Steininger, Chefvolkswirt des Immobiliendienstleisters Bulwien Gesa, hält den Effekt der Abwanderung für übertrieben. So könnte der Zuzug nach Frankfurt lediglich die weiterhin notwendigen Konsolidierungen innerhalb der Bankenbranche überlagern. Somit würden die aus London übersiedelnden Banker lediglich jene Lücken ausfüllen, die durch den Stellenabbau der Deutschen Bank entstanden sind. Denn es würde aus Sicht der Banker genügen, wenn nur die Führungsmanschaft der Unternehmen aus London abgezogen würden. Die Mitarbeiter der Basis könnten formal von der EU-Gesellschaft nach London ausgelagert werden, also durchaus in England verbleiben.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter abonnieren
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.

Send this to a friend