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Soziale Medien als Angst-Echokammer

Soziale Medien als Angst-Echokammer

Durch die Verbreitung des Coronavirus befinden wir uns gerade in einer akuten Krisenzeit, die bei vielen Menschen für Angst und Kontrollverlust sorgt. Hamsterkäufe sind ein irrationaler Versuch, Ängste zu verarbeiten und Kontrolle wieder zu erlangen.

Irrationale Panikkäufe geben das Gefühl einer Kontrollkompensation und helfen, mit Ängsten leichter umzugehen.

Einkaufen als Problemlöser

Wer seinen Feind nicht sehen kann, der verliert zunehmend die Kontrolle über seine Handlungen. Und der Coronavirus ist ein unsichtbarer Feind. Psychologen sind sich nach Forschungen sicher, dass der Kauf bestimmter Dinge vermeintliche Probleme löst, die als Auslöser dieser Ängste vermutet werden.

Bei Panik ist Quantität wichtiger als Qualität

So hoffen Menschen, die inflationär Desinfektionsmittel und Masken einkaufen, damit eine Infektion des Virus zu vermeiden – wenn auch Gesichtsmasken eigentlich nur die Verbreitung der Viren durch Infizierte verringern, bei gesunden jedoch kaum Wirkung haben, sich nicht zu infizieren. So sind auch nicht alle Desinfektionslösungen für den Kampf gegen den Coronavirus geeignet. Doch scheint bei Hamsterkäufen sowieso die Quantität wesentlicher als die Qualität zu sein.

Stress und Ängste kompensieren

Menschen fühlen sich besonders in vermeintlich aussichtloser Situation einfach besser und sicherer, überhaupt etwas zu tun. Denn wer sein Haus oder Büro desinfiziert, der tut etwas für sein Gefühl, über Kontrolle zu verfügen. Die Kontrolle ist ein grundlegendes Element, um Stress und Ängste zu verarbeiten. Dabei ist es möglich, auch rational mit Angst umzugehen.

Soziale Medien sind Echokammern der Ängste

Um seinen Feind auf Augenhöhe zu begegnen, sollten erst mal Informationen gesammelt werden: Um welchen Virus handelt es sich, wie infiziert man sich und wie sieht eine Behandlung aus, wenn es zu einer Infektion kam. Das Problem der heutigen Zeit ist allerdings, dass soziale Medien den fachbezogenen, seriösen Informationen oft vorgezogen werden. Soziale Medien sind aber überwiegend eine Echokammer sozialer Ängste. Die Verunsicherung wächst also, je länger soziale Medien konsumiert werden.

Angst vor Verknappung

Wer also in sozialen Medien Fotos und Videos von Menschen sieht, die sich mit Toilettenpapier und Nudeln eindecken, fürchtet Verknappung und ist bereit, sich selbst in die nächste Supermarkt-Schlange einzureihen. Die mögliche Verknappung führt dann durch Kettenreaktionen zu tatsächlichen Verknappungen.

Vergleichbare Pandemien trotz geringer Ängste

Psychologen ziehen Vergleiche zur SARS-Pandemie des Jahres 2003. Bei der SARS handelte es sich um eine mit dem Coronavirus vergleichbare Virusinfektion, bei der Panik-Käufe in dieser Größenordnung noch nicht zu beobachten waren – da, so das wissenschaftliche Fazit, zu dieser Zeit sich längst nicht so viele Menschen in den Echokammern von Facebook, Twitter und Co. aufgehalten haben.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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