Progressiv

„So individuell und kompetent wie der Hausarzt“

Wer krank wird, sucht nicht selten im Internet nach seinen Symptomen, und beschäftigt sich so mit gefährlichem Halbwissen. Drei innovative Köpfe in München wollten das nun ändern und bieten mit ihrem Startup TeleClinic eine Alternative zwischen Hausarzt und Suchmaschine. proVision sprach mit Gründerin und CEO Katharina Jünger über ihre virtuelle Klinik.

proVision: Frau Jünger, erklären Sie bitte in kurzen Worten die Idee hinter der TeleClinic.

Katharina Jünger: Über die TeleClinic können sich Versicherte rund um die Uhr von Ärzten aller Fachrichtungen per Video und Telefon beraten lassen.

proVision: Über welche Vorteile verfügt die TeleClinic gegenüber der Google-Recherche?

Katharina Jünger: Google hat den ganz großen Vorteil, sehr schnell zu sein. Wenn ich ein medizinisches Problem habe, bin ich jedoch häufig emotional extrem unsicher und will eine schnelle Hilfe. Das Problem bei einer Recherche über Google ist allerdings, dass ich dort keine kompetente – und vor allem individuelle – Hilfe bekomme.
Auf der anderen Seite haben wir den Arztbesuch, bei dem ich sehr individuell und kompetent beraten werde – aber dort dauert es sehr lange: Man benötigt erst mal einen Termin, dann muss man warten, bis es so weit ist, schließlich muss man dort hinfahren und im Wartezimmer dann wieder warten. Die TeleClinic möchte genau eine Lösung in der Mitte bieten, die bisher in dieser Form fehlte. Wir möchten über die digitalen Kanäle genauso schnell sein, allerdings eine Beratung durch echte, gute Ärzte bieten. Die ist dann so individuell und kompetent wie beim Hausarzt in der Praxis.

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Katharina Jünger, Gründerin und CEO der TeleClinic in München

proVision: Welche regulatorischen Hürden standen der Telemedizin im Weg?

Katharina Jünger: Regulatorische Hürden stehen der TeleClinic teilweise immer noch im Weg.
Eine dieser Hürden ist das sogenannte „Fernbehandlungsverbot“: Ärzte dürfen in der Ferne keine Diagnose und auch keine Rezepte ausstellen. Dabei ist es natürlich zum einen wichtig, dass man in diesem Bereich sehr vorsichtig vorgeht und vor allem auf die Qualität der Ärzte achtet. Es ist jedoch so, dass ein Arzt selbst entscheiden sollte, was er machen kann. Ein Arzt kann sehr gut beurteilen, ob er eine körperliche Untersuchung durchführt oder nicht – genauso wie in der Praxis, wenn eine Röntgenaufnahme nötig ist. Wenn dann aber kein Gerät zur Verfügung steht, muss eben an einen Kollegen verwiesen werden. Das schränkt das Ganze natürlich ziemlich ein. Viele Nutzer bedauern, dass die TeleClinic keine Diagnose oder Rezept ausstellen kann – auch wenn unsere Ärzte das für sinnvoll halten und diese Regulierung das ärztliche Berufsrecht stark einschränkt.

proVision: Sie arbeiten bereits mit drei Krankenkassen zusammen – wie sieht das grundsätzliche Interesse von Versicherern an ihrem Konzept aus?

Katharina Jünger: Ein Interesse von Versichertenseite ist sehr groß, doch die Versicherer scheuen sich noch, sie werden ebenfalls sehr stark reguliert. Was ich sehr oft erlebe ist die Tatsache, dass der Vorstand einer Versicherung am liebsten sofort mitmachen würde, es jedoch praktisch kaum gelingt, unsere Leistungen reibungslos in die internen Prozesse der Versicherer zu integrieren.

Bei den privaten Krankenkassen ist es da etwas einfacher, da unsere Leistungen über die Leistungsausgaben abgerechnet werden können. Bei den gesetzlichen Krankenkassen ist es hingegen schwieriger, da es dort für unsere Leistungen noch keine EBM-Ziffer (Einheitlicher Bewertungsmaßstab) gibt und diese Kassen dann über die Verwaltungsausgaben abrechnen müssten, was dann zu teuer wäre – zweiter Punkt der regulatorischen Hürden. Aus diesem Grund sind den gesetzlichen Krankenkassen die Hände noch etwas gebunden.

proVision: Mit welchen Fällen sind die Ärzte der TeleClinic hauptsächlich konfrontiert?

Katharina Jünger: Wir unterscheiden zwischen Akutfällen und Zweitmeinungen; entweder hat der Patient noch nicht mit einem Arzt gesprochen, oder aber er ist sich noch unsicher.
Und dann gibt es etliche allgemeinmedizinische Fälle – also Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Zudem bekommen wir viele pädiatrische Anfragen, also zum Thema Kinderheilkunde. Es rufen einige Eltern an, die sich in der Vorgehensweise unsicher sind. Kinder haben jeden Tag irgendetwas. Außerdem haben wir Vieles im Bereich Dermatologie, was Sinn macht, da man der TeleClinic unkompliziert Fotos senden kann. Und schließlich haben wir diverse Fälle im Bereich Orthopädie: Rücken, Knie, Hüfte usw.

proVision: Wie viele Patienten lassen sich durchschnittlich bereits durch die TeleClinik beraten?

Katharina Jünger: Ungefähr 1.600 Patienten insgesamt.

proVision: Wird die TeleClinic ihren Patienten irgendwann einmal Überweisungen, Rezepte und Atteste ausschreiben können und dürfen?

Katharina Jünger: Das hängt in Deutschland sehr stark von der Regulatorik ab. Dazu müsste erst einmal das Fernbehandlungsverbot fallen, denn Voraussetzung für eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Berufsunfähigkeitsbescheinigung oder der Ausstellung von Rezepten ist die Diagnose. Vonseiten der jeweiligen Ärztekammern sehe ich da aber durchaus positive Signale – die Ärztekammer Baden-Württemberg schafft bereits in einem Pilotprojekt das Fernbehandlungsverbot ab. Ich vermute, dass bereits innerhalb der nächsten 18 Monate ein stark liberalisierter Markt vorhanden sein wird und ich glaube fest, dass wenn Diagnosen möglich sind, auch ganz schnell Online-Rezepte kommen. Das wird alles sehr qualitätsgeprüft sein – aber ich glaube, dass es durchaus Bereiche gibt, wo es Sinn machen würde. Und wenn es möglich ist, wollen wir es natürlich auch anbieten.

proVision: Aber der Trend, dass man sich flächendeckend virtuell krank schreiben läßt, ist doch nicht absehbar, oder?

Katharina Jünger: Denkt man – in der Schweiz ist es beispielsweise bereits möglich. Da gab es auch die Frage, ob diese Möglichkeit dann ausgenutzt wird, und es hat sich gezeigt, dass die Befürchtung nicht eingetreten ist. In der Schweiz ist es gut geregelt, dort kann der Arbeitgeber bestimmen, ob er derartige Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen akzeptiert, es ist dann nur einmal im halben Jahr für vier Tage möglich. Es wird also nicht ausgenutzt und die TeleClinic wäre auch hier eine gute Sache.

proVision: Spannende Entwicklungen – wir danken für das Gespräch.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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