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Freiräume müssen gewollt sein

Freiräume müssen gewollt sein

Der Trend zum Home Office liegt auch an einem unausgesprochenem Versprechen: Wer sich und seine Arbeit schätzt, den Raum dafür weitgehend selbst gestaltet und dazu noch über die Freiheit verfügt, seinen zeitlichen Arbeitsrahmen selbst zu wählen, der schafft durch Zufriedenheit und Kreativität wesentlich mehr Effektivität.

Und wer diese Freiheit nicht zu schätzen vermag, betrügt sich und andere. Das ist die Rückseite dieser Medaille des selbstbestimmten Berufslebens.

Selbstbetrug im Freiraum

Die meisten Menschen arbeiten frei und selbstbestimmt und verzichten deshalb auf so viele Vorschriften, Paragrafen und Regelwerken, wie es möglich und erlaubt ist. Basis, um auf Vorschriften und Regeln zu verzichten, ist Vertrauen. Und Arbeitgeber vergeben gerne so ein Vertrauen, denn die Leistungsfähigkeit autonomer Mitarbeiter kann sich erheblich steigern, wenn ihre Zufriedenheit gesteigert wird. Allerdings nimmt mit mehr Freiräumen auch der Raum für Möglichkeiten des Selbstbetruges und der Schwindeleien zu – bis zu der ebenso unausgesprochenen Gefahr, sich selbst und andere zu betrügen: um verschwendeten Freiraum und improvisierte Leistungen.

Mechanismen des Selbstbetruges

Wissenschaftler aus den USA und Israel versuchten deshalb, hinter die Mechanismen der tatsächlichen Gefahren zu kommen, die in den Freiräumen kreativer, autonomer Mitarbeiter lauern. Dazu wurden etwa 400 Angestellte verschiedener Unternehmen und verschiedenster Branchen in Israel befragt. Die Probanden sollten am Anfang anonymisiert über den Rahmen und die Freiräume ihres individuellen Arbeitsplatzes berichten. Der Fokus lag dabei auf Tätigkeiten, bei denen die Mitarbeiter selbst entscheiden können, wann und wie diese erledigt werden.

Weniger Regeln – mehr Lügen

Bereits in dieser Phase erkannten die Psychologen einen Trend. Unabhängig des Geschlechts, des Alters, Bildungsgrad oder Position des Studienteilnehmers und auch unabhängig ihrer Unternehmensgröße und der persönlichen Zufriedenheit im Job konnte Verblüffendes erkannt werden – nämlich dass jene Mitarbeiter nach ihrer eigenen Aussage wesentlich häufiger über tatsächliche Arbeitszeiten und Privatbeschäftigungen während der Arbeitszeit lügen, die sich an weniger Regeln halten müssen.

Freiheit ist immer ein Rahmen der individuellen Wertschätzung

Die Verhaltensforscher waren sich nach Auswertung dieser ersten Testergebnisse allerdings sehr unklar darüber, ob das unehrliche Verhalten proportional zu den Freiräumen entsteht, oder ob es sich einfach um eine völlig logische, menschliche Verhaltensanpassung handelt. Deshalb griffen die Psychologen aus den USA für einen weiteren Testlauf auf „Priming“ zurück. Dabei handelt es sich um ein psychologisches Paradigma, bei dem die Versuchspersonen aus durcheinander gemischten Wörtern Sätze konstruieren soll. „Du kannst Dir Deine Arbeit jederzeit einteilen“, oder „Wenn Du gestresst bist, mach´ einfach eine Pause!“ – solche Sätze beschreiben Freiräume, die auf die Arbeitsplätze jener Versuchspersonen schließen lassen. Tatsächlich steht nämlich für Psychologen fest, dass sich Menschen durch die vermittelten Bedingungen ihres persönlichen Umfeldes in ihrem Denken, fühlen und Handel beeinflussen lassen. So sind die Sätze einer anderen Testgruppe wesentlich profaner: „Entspanne in der Pause“, oder „Ich teile mir meine Arbeit ein“. Neutralere Sätze, die auf weniger Freiheiten am Arbeitsplatz schließen lassen.

„Priming“ entlarvt die Motivationen

Nach diesem Test ging es aber noch weiter: Nun sollten die Probanden erneut aus vermischten Buchstaben Wörter bilden, durften dieses Mal jedoch betrügen. Sie sollten schätzen, wie viele dieser Anagramme auflösbar waren, Nachdem die Gruppe der tatsächlich lösbaren Buchstabenrätsel gelöst wurden, schwindelten plötzlich rund zehn Prozent der Testpersonen, auch die anderen Rätsel lösen zu können. Wenn die Lösungen jedoch Situationen hoher Autonomie vermitteln, betrogen plötzlich fast zwanzig Prozent der Teilnehmer. Um die Wirkungsweise des „Priming“ besser zu verstehen muss man wissen, dass Menschen mit größeren Freiräumen sich per Se durch Regeln eingeschränkt fühlen. Wenn die gebastelten Sätze eine wesentlich höhere Autonomie vermitteln, fühlen sich bestimmte Probanden berufen, Regeln zu verletzten, um das Ziel zu erreichen. Auch wenn, wie in diesem Test, das Ziel, einen Satz mit hohem Selbstbestimmungswert zu bauen, sachlich überhaupt nicht erreicht werden kann. Für Probanden mit weniger berufliche Freiräumen scheinen die Regeln hingegen einen wesentlich höheren Stellenwert einzunehmen.

Eine Gratwanderung

Insofern kommen die Studienautoren in ihrem Fazit zu dem Schluss, dass ein „mehr“ an Autonomie immer zwei Seiten hat. Auf der einen Seite, dass lässt nicht verleugnen, sorgt weniger Kontrolle für ein höheres betrügerisches Verhalten. Andererseits lassen sich Probanden, die Autonomie und selbstbestimmtes Arbeite erkennen und persönlich schätzen, seltener zu Lügen verleiten. Für Arbeitgeber ist es also wichtig, Freiräume an Mitarbeitern zu vergeben, die persönlich großen Wert auf diese berufliche Freiheiten legen und sie auch zu schätzen wissen. Denn für diese Mitarbeiter steht der Wert der Effektivität im Vordergrund. Freiräume, die zu Selbstbetrug und Schummeleien führen, sind hingegen eher aufgedrängt und aus Situationen entstanden. Sinnvolle Heimarbeit im Home Office kann also nur klappen, wenn sie geplant und von den Betroffenen gewollt ist. Und nicht aus einer Notwendigkeit als „Alternative“ entsteht.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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