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„Flows“ sind keine zufälligen Phasen

"Flows" sind keine zufälligen Phasen

Produktive Momente während der Arbeit sind sehr positiv, aber ebenso rar: Wenn der Fokus ausschließlich auf das eigene Tun beschränkt ist, die Konzentration uns komplett einnimmt, ist von einem „Flow“ die Rede. Psychologen wollen wissen, dass wir selbst einiges dafür tun können, dass solche seltenen Momente gar nicht so selten sind.

Wie lassen sich aber „Flow-Phasen“ bewusst und gezielt aktivieren?

Wer sich völlig klar und absolut fokussiert auf seine Arbeit konzentrieren kann, befindet sich komplett im „hier und jetzt“. Keine störenden Gedanken über Zukunft oder Vergangenheit können von diesem Fokus ablenken. Wer nahezu hoch konzentriert in seine Tätigkeit versunken ist, der nimmt die Außenwelt und seine Sorgen kaum noch wahr. Ablenkung scheint es in diesen Momenten überhaupt keine zu geben, „Prokrastination“ ist ein weit entferntes Fremdwort.

„Flows“ sind gesund

Der amerikanisch-ungarische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi prägte bereits in den Siebzigerjahren den Begriff „Flow“, als er an der renommierten University of Chicago den psychologischen Mechanismen und Geheimnisses des „Erfolges“ auf den Grund gehen wollte. Er kam schließlich zu dem Schluss, dass diese höchst-produktiven „Flow“-Momente nicht nur zu beruflichen Höhenflügen führen, sondern auch die Gesundheit, Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden fördern. Die eigentliche Frage schien aber, wie solche Bewusstseinsphasen aktiviert werden können.

Positiver Stress baut negativen Stress ab

Viele Menschen, die sich vor Langeweile und unproduktive Ablenkung geradezu fürchten, scheinen leichter diese „Flow-Zustände“ zu erleben. Sie erleben während ihrer „Flow-Phase“, dass ihre Zeit, ihre Umgebung und sich selbst eher vergessen wird: Die Gedanken sind wesentlich stärker auf die Tätigkeiten bezogen, die Welt und ihre Zeit wird kaum wahrgenommen. Der Cortisolwert des Blutes steigt leicht an, ebenso das Wohlbefinden. Stress wird dabei jedoch abgebaut.

„Flows“ für sich nutzen

Insbesondere wenn die „Flow-Phasen“ nicht zufällig sind und jemand dabei in der Lage ist, diese Leistungsphasen regelmäßig abzurufen, steigert sich langfristig Wohlbefinden sowie die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit. „In den Flow kommen“ kann man aber nicht nur beruflich, sondern auch in der Freizeit, im Haushalt und beim Sport. Wer dabei feststellen kann, so zu außergewöhnlichen Leistungen zu kommen, möchte diese Gelegenheiten für sich nutzen.

„Flows“ sind Training – kein Werkzeug

Studien konnten beweisen, dass Studenten, die konzentriert während des Lernens von nüchternen Statistiken in eine „Flow-Phase“ kamen, zu besseren Abschlussarbeiten kamen. Auch Sportler, die während des Trainings „Flow-Phasen“ für sich zu nutzen wussten, konnten ihre Wettkampfergebnisse steigern. Ein „Flow“ während des Wettkampfes hingegen beeinflusste das Wettkampfergebnis nicht.

Konzentriert im Hier und Jetzt

Psychologen erklären sich die Fähigkeit mancher, sich selbst in den „Flow“ zu versetzten, mit dem Motivationseffekt. Da der „Flow“ für Wohlbefinden und einem guten Selbstwertgefühl sorgt, motivieren solche Phasen und provozieren auch das „Belohnungszentrum“ des Gehirns. Die praktische Leistungssteigerung liegt an der fokussierten Konzentration, die mit einem „Tunnelblick“ zu vergleichen ist. Die hohe Konzentration eines „Flows“ lässt uns schneller und tiefer konzentrieren, wir registrieren Details deutlicher und können Nebensächlichkeiten und störende Einflüsse der Umwelt wesentlich leichter als sonst ausblenden. Gelingt es uns dann in der Konzentration, die Zeit auszublenden, fühlen wir uns im „Flow“.

„Flows“ sind positiver Stress

In dieser Phase steigt der Cortisolspiegel leicht an. Überwiegend in Stresssituationen wird Cortisol von der Nebennierenrinde in die Blutbahn ausgeschüttet, der Organismus erhält dadurch zusätzliche Glukose – Rezeptoren, die besondere Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft aktivieren. Gleichzeitig gelingt es uns leichter, nebensächliche Informationen zu ignorieren. Der „Flow“ ist also eine Art positiver Stress. Stress, der von uns als kontrolliert und positiv wahrgenommen wird, erregt uns wesentlich weniger als negativer, unkontrollierter Stress.

Die Kontrollierbarkeit dieser „Flow-Momente“ sorgt schließlich dafür, dass wir „Flows“ als beglückend und positiv empfinden. Eine rund zehn Jahre alte Studie der Kansas State University belegte, dass Menschen, die sich häufiger in „Flows“ versetzen können, wesentlich positiver eingestellt sind. „Flows“ werden sogar als „Stresskiller“ bezeichnet.

„Flows“ sind erste Schritte zu nachhaltigem, bewussten Leben

Doch wie können „Flows“ bewusst aktiviert werden? Der Psychologe Giovanni Moneta von der London Metropolitian University, ist überzeugt davon, dass dies durch regelmäßige Übungen möglich ist. Wer in der Lage ist, sich regelmäßig in „Flow-Phasen“ zu versetzen, kann sogar unerwartet und schwierige Herausforderungen einfacher meistern. Ein erster Schritt dazu ist, bewusster und konzentrierter auf Situationen zu reagieren. Eine sehr effektive Grundlage dahin ist die Meditation. Dabei kommt es auch eigentlich nichts anderes an, als äußere Einflüsse zu ignorieren, die Sinne nach innen zu richten und sich auf den Moment zu konzentrieren. Es muss gelernt werden, in konzentrierten Momenten sich selbst zu vergessen.

Meditation ist ein Schlüssel

Und das gelingt jedem anders. Einer Pianistin oder einem Bühnenschauspieler gelingt das dafür notwendige selbstvergessene Tun natürlich leichter, als beispielsweise einem Busfahrer oder der Polizistin. Es kommt auf jeden Fall auf die eigene Emotionalität, den Anforderungen und unseren Fähigkeiten an. Aber auch, wenn die „Flow-Forschung“ noch in den Kinderschuhen steckt – „Flows“ bieten bereits jetzt die richtigen Ansatzpunkte, den Arbeitsalltag gesünder, förderlicher und nachhaltiger zu gestalten. Im Zeitalter der stressbedingten Erkrankungen ist dies wichtiger denn je.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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