Produktiv

Der LV-Deckel kommt, aber keiner will schuld sein.

Wie die Lebensversicherer den Gesetzgeber für die Sanierung ihres Geschäftsmodells (be-)nutzen. Warum Provisionskürzungen und Haftungsverlängerungen längst beschlossene Sache sind und weshalb die Lebensversicherer ihre Lobbyarbeit konsequent leugnen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Eine Senkung der Abschlussprovisionen für die kapitalbildende Lebensversicherung ist alternativlos. Die Kalkulation der Lebensversicherung ist unter Berücksichtigung der derzeitigen Provisions-Rahmenbedingungen für viele Versicherer wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Gerne wird in diesem Zurer wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Gerne wird in diesem Zusammenhang einzig die Finanzkrise als Auslöser für die anhaltend niedrige Zinslandschaft gesehen, und somit als Kern der derzeitigen Herausforderungen bezüglich der Lebensversicherung. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn weder die Eurokrise noch die Weltwirtschaftslage, sondern vor allem langfristige Faktoren der Demografie verursachen einen nachhaltigen Einbruch der Zinsen. Die klassische Lebensversicherung muss dabei den gordischen Knoten lösen, indem sie Garantien bietet, die das Produkt selbst nur bedingt bei anhaltenden Niedrigzinsen erwirtschaften kann. In der Konsequenz haben die Versicherer intensiv über erforderliche Kostensenkungsmaßnahmen auch oder besonders in der Lebensversicherungssparte nachgedacht. Salopp gesprochen: Die Leben-Kosten müssen runter – eine Reduzierung, die mit höchster Sicherheit auch den Umsatz-Geldbeutel des Vermittlers betreffen wird.

Der Gesetzgeber als Sündenbock?

Der nun eingeschlagene Weg via Lobbyismus und Gesetzgeber hat sich für die Versicherer früher bereits bewährt: auch die Kran- kenversicherer haben schon einmal ihre Lobby die Fäden für eine gesetzliche Deckelung der Provisionen ziehen lassen, um sich im Nachgang über deren Entscheidung (künstlich) zu empören und der Politik die Schuld der daraus entstandenen bekannten Branchenprobleme in die Schuhe zu schieben. Aufs gleiche Pferd scheinen nun die Lebensversicherer zu setzen: So plant die Politik neben veränderten Bewertungsvorschriften auch eine deutliche Deckelung der Abschlussprovisionen auf unter 40 Promille – zur Deckelung der Abschlussprovisionen auf unter 40 Promille – zur Diskussion stehen eine Senkung auf 3 – 3,5 Prozent Courtage – nebst Verlängerung der Stornohaftungszeiten auf zehn Jahre. Doch wie stehen die Versicherer zu dieser Thematik? Hinsichtlich einer proVision-Anfrage bezüglich der Pläne zur Provisionsdeckelung verweist die Alte Leipziger auf ein Informationsblatt ihres Hauses Stand 09/2013. Weitere Detailfragen hierzu möchte man in Oberursel derzeit nicht beantworten. Im Informationsblatt immerhin gibt die Alte Leipziger unumwunden zu: „Vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase (…) sieht die Alte Leipziger Leben durchaus Handlungsbedarf bezüglich der Vergütungsregelung. (…)“

Die Rettung naht

Dass der Lebensversicherungsbranche geholfen werden wird, ist schon allein dadurch sichergestellt, dass die Lebensversicherungswirtschaft Hauptkäufer deutscher Anleihen ist – sprich ohne Lebensversicherer kann der Staat seine Schulden nicht mehr refinanzieren. Die Eurokrise käme heftiger denn je zurück, nur dass diesmal Deutschland griechische Verhältnisse zu befürchten hätte. Die Hilfe soll den aktuell angedachten Plänen der Gesetzgeberkreise nach so aussehen, dass man es den Lebensversicherern unter anderem erlauben möchte, die Bewertungsreserven zurückzuhalten, statt diese an die Kunden auszahlen zu müssen. Im Gegenzug möge die Branche aber auf Provisionen verzichten, damit „mehr monetäre Mittel“ beim Kunden ankämen. Die Argumentation ist perfide, denn tatsächlich wird die geforderte Gegenleistung gar nicht von den Versicherern erbracht, sondern generell von den Vermittlern.

Freiheit wird ebenso gedeckelt

Doch die Folgen sind noch eklatanter, denn ausschließlichkeitslastige Versicherer nutzen die Gunst der Stunde, indem sie darauf hinwirken, die Verhältnisse zum Nachteil unabhängiger Makler zu verschieben. Von der bevorstehenden Provisionsdeckelung wären nämlich vor allem Makler und Vertriebe – also die unabhängigen Vertriebswege – betroffen, da gebundene Ausschließlichkeitsvermittler in der Regel geringere Provisionssätze erhalten, dafür aber reichlich Unterstützung in Vertrieb und Bürologistik durch den hauseigenen Versicherer. So müssten nur unabhängige Vermittler Einschnitte befürchten. Das Kalkül der Versicherer: Fehlenden Nachwuchs in den eigenen Reihen mit aufgebenden Maklern kompensieren. Denn hier haben alle Versicherer ein Problem, immerhin ist ein Drittel aller Vermittler inzwischen über 60 Jahre alt.
Man könnte meinen, die Versicherungswirtschaft missbrauche die Politik ganz gezielt, schließlich glaubt diese doch tatsächlich, mit den angedachten Provisionsdeckelungen in der Lebensversicherung dem Kunden verbraucherschutzorientiert zu helfen. In Wahrheit könnten die geplanten Änderungen sogar das Gegenteil verursachen, denn tatsächlich ist die Ausschließlichkeit einer der teuersten Vertriebswege. Treibt es infolgedessen Heerscharen von Maklern in die Ausschließlichkeiten, weil deren Konditionen in der Gesamtbetrachtung unverändert attraktiv bleiben, könnte die Lebensversicherung am Ende sogar noch mehr Kosten verursachen. Dass die Diskussion um die Rettung der Lebensversicherung fehlgeführt wird, ist schon daran zu erkennen, dass in der aktuellen Diskussion nicht nach Kapitalbildung und Biometrie differenziert wird. Die Niedrigzinsphase ist zwar ein enormes Problem für die klassische Rentenversicherung, andererseits ist die Berufsunfähigkeitsversicherung kaum davon betroffen. Ein Irrtum der Politik, auf den die Lebensversicherungswirtschaft vorsätzlich nicht hinweist?

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Gerne hätte die proVision die Meinungen möglichst vieler Versicherer zu den derzeitigen Plänen hinsichtlich der Provisionsdeckelung erfahren. Doch leider gab es oft nur das große Schweigen im Walde. So teilte die AXA der proVision sinngemäß mit, dass sie eine Diskussion zum Umgang mit Provisionen für sinnvoll hielte, man wolle aber erst das Ende der Überlegungen abwarten, bevor man sich hierzu äußere. Nach akutem Missfallen mit dem Verlauf der politischen Diskussion hört sich das nicht an. Überhaupt scheint alles in der versichererseitig gewünschten Richtung zu verlaufen. In auffälliger Einhelligkeit verzichten zahlreiche Versicherer auf ein Statement und somit auch darauf, sich dem Makler gegenüber wohlwollend und positiv zu positionieren. Die Pläne öffentlich zu kritisieren könnte womöglich die gesetzliche Regelung gefährden. So teilte die Condor auf Anfrage mit, dass man sich als Einzelunternehmen nicht zu politischen Themen äußere. Auch die LV1871 ließ verlautbaren, dass man die Diskussion beobachte, jedoch vorerst nicht mit einem Statement weiterhelfen könne. Auch die Allianz reagierte mit den Worten: „(…) leider können wir Ihre Anfrage nicht beantworten.“ Und auch die Ergo erklärte: „(…) Zu der aktuellen politischen Diskussion um die Deckelung (…) möchten wir uns momentan nicht äußern.“ Manchmal ist Schweigen wirklich Gold und sagt mehr als tausend Worte, denn welcher Versicherer würde schon öffentlich eingestehen, dass er sich von der Politik eine Beschneidung seiner Maklerpartner wünscht?

Lars Drückhammer Geschäftsführer blau direkt proVision: Was hält blau direkt von den Plänen zur Deckelung? Lars Drückhammer: Als Maklerpool haben wir Interesse an der Rettung der Lebensversicherung, daher müssen wir auch bereit sein einen Teil der Last zu tragen. Es muss aber sichergestellt sein, dass unser Verzicht den Kunden erreicht und nicht als verdeckte Subvention für Ausschließlichkeitsvertriebe zweckentfremdet wird. Außerdem muss die Frage erlaubt sein: Was werden die Versicherer selbst in Form von Verzicht beitragen?
Lars Drückhammer Geschäftsführer blau direkt

proVision: Was hält blau direkt von den Plänen zur Deckelung?

Lars Drückhammer: Als Maklerpool haben wir Interesse an der Rettung der Lebensversicherung, daher müssen wir auch bereit sein einen Teil der Last zu tragen. Es muss aber sichergestellt sein, dass unser Verzicht den Kunden erreicht und nicht als verdeckte Subvention für Ausschließlichkeits- vertriebe zweckentfremdet wird. Außerdem muss die Frage erlaubt sein: Was werden die Versicherer selbst in Form von Verzicht beitragen?

deckel-beitrag-pradetto#14
Oliver Pradetto Geschäftsführer blau direkt

 

proVision: Was hält blau direkt von den Plänen zur Deckelung?

Oliver Pradetto: Ich und Lars sind bereit auf einen Teil unseres Einkommens zu verzichten, wenn wir damit unsere Lebensversicherungskunden besser stellen. Ich würde dies mit mehr Enthusiasmus tun, wenn wir Vergleichbares von einem Versicherungsvorstand hören.

#14/April 2014

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