Profiliert

Der FC Bayern München unter den sozialen Projekten

Jérôme Boateng und die anderen „Großen Brüder“, wie die Fußballstars beim MitternachtsSport e.V. genannt werden, machen es vor: Anerkennung und Respekt musst du dir erst verdienen. Nicht auf der Straße, sondern auf dem Rasen, in der Schule, in der Ausbildung, auf der Arbeit. Das Gewaltpräventions- und Integrationsprojekt in Berlins Randbezirk Spandau holt die Jugendlichen mithilfe von Fußballstars von der Straße. Dafür wurde es mit dem Botschafterpreis für Demokratie und Toleranz der Bundesregierung über den BAMBI in der Kategorie Integration, bis hin zum Integrationspreis des DFB ausgezeichnet und holte ebenso wie FC Bayern München das Triple.

Grauer Alltag mitten im großstädtischen Nichts. Schmutziger Asphalt, grauer Beton, vöde Vorstadttristesse. Das wilde Hauptstadtleben findet woanders statt. Und es findet ohne sie statt. Denn sie sind nicht erwünscht. Weder in den Clubs der szenigen Innenstadt, noch hier in ihrem Kiez auf der Straße. Inmitten dieser Trost- und Perspektivlosigkeit, zwischen Langeweile und Frustration hängen die Jugendlichen ab. Und weil die Alternativen im Kiez fehlen, ist Gewalt und Zerstörung oft die einzige Freizeitbeschäftigung. Sie stammen aus zumeist sozial schwachen Familien. Da fehlt es oft nicht nur an Geld, sondern auch an gesellschaftlicher Anerkennung. Und so hängen viele von ihnen auf der Straße rum. Einer der vielen Jugendsozialarbeiter hier, selber diesem Vorstadtmilieu entsprungen, entkommen ist könnte man fast sagen, ist Ismail Öner, Mitte 30. Aber er wirkt plötzlich um 10 Jahre jünger, wenn er anfängt zu erzählen: „Als Verlierer geboren wird keiner von ihnen. Diese jungen Menschen nicht aufzugeben, ihnen eine Alternative zu bieten, und vor allem der Perspektivlosigkeit nicht das Feld zu überlassen, das ist MitternachtsSport.“ Am Anfang stand wie immer eine Idee. Wir müssen reden, wir müssen einen Dialog anregen, dachte sich Öner. Wie wäre es also, wenn dieselben Jungs, die tagtäglich im damals von der Polizei zum „kriminalitätsbelasteten Ort“ deklarierten Stadtteil Heerstr. Nord, aufgegriffen werden, mit genau den Polizisten, die nachts die Einsätze fahren, Fußball spielen? Dann käme man sich näher. Man sähe, dass der andere auch nur ein Mensch ist. Und nicht ein Roboter in Uniform oder ein randalierender Ausländer. Und so geschah es: Polizisten gegen Jugendliche, in fairem Wettkampf um das runde Leder, statt in Hass und Gewalt gegeneinander. Und am nächsten Tag, wenn man sich wieder auf der Straße traf, sagte einer der Polizisten zu dem Jugendlichen: „Geiler Trick gestern. Nächstes Mal lasse ich mich nicht tunneln.“ und der antwortet: „Sonst hast du ja alles gut gehalten!“

Fairplay gegen Frustration

Die Gründer des MitternachtsSport e.V. Jérôme Boateng und Ismail Öner
Die Gründer des MitternachtsSport e.V.
Jérôme Boateng und Ismail Öner 

Nach Vorbildern aus den Ghettos US-amerikanischer Großstädte und französischen Banlieues initiierte Jugendsozialarbeiter Öner 2007 ein bis dahin einzigartiges Projekt in der Hauptstadt: Kostenlose Sportangebote in öffentlichen Sportanlagen bis in die frühen Morgenstunden. Der MitternachtsSport war geboren. „Der MitternachtsSport beantwortet das Gesetz der Straße mit den Regeln des Fairplay“, erklärt Öner. So werde aus Rivalität und Vorurteilen schnell Respekt und Toleranz. Und vor allem biete er eine Alternative zur Perspektivlosigkeit. Eigentlich ganz einfach. Öner fragte die Polizei: „Wann gibt es Gewalt und Action? Nachts, vor allem am Wochenende!“ Und so besorgte er sich den Schlüssel einer Sporthalle und schloss die an jedem Wochenende Abends auf. Dann, wenn Jugendliche aus der bürgerlichen Mitte in die Bars der Innenstadt gehen oder in Kinos oder bei Freunden in der Wohnung gemütlich abhängen. Seine Jungs, die können das nicht machen. „Wo sollen sie denn hin? In die Clubs dürfen sie meist nicht rein, für Kino und Kneipen fehlt das Geld und zu Hause mit drei Generationen Familie auf engstem Raum geht auch nichts. Wir haben 70 Sporthallen, allein in Spandau. Warum öffnen wir nicht eine einzige“, fragt sich Öner. Der Erfolg gibt ihm Recht: Heute nehmen über 200 Jugendliche mit rund 40 Nationalitäten Woche für Woche das Angebot des MitternachtsSports wahr. Und die Zahl jugendlicher Straftaten ist deutlich zurückgegangen. Der Status des Stadtteils Heerstr./Nord als „kriminalitätsbelasteter Ort“ wurde wenige Monate nach Start des Projekts aufgehoben. „Öner, was hast du angestellt?“, fragt ihn die Polizei. Es sei nichts mehr los auf den Straßen, berichten sie ihm. „Die Jungs waren nach dem Fußballspielen so müde und kaputt, die wollten nur noch nach Hause“, erklärt Öner. Wichtig ist damals wie heute ein kontinuierliches Angebot: „Es würde den Jungs nichts bringen, wenn das wie anderswo nur alle paar Monate angeboten wird.“ Und so steht der glückliche Familienvater seit über 6 Jahren fast jedes Wochenende selber abends in der Sporthalle. Mittlerweile hat er ein wenig Unterstützung. Durch die Stars, die sogenannten „Großen Brüder“, aber auch durch Mitglieder seines Vereins MitternachtsSport und freiwillige Helfer.

Die „Großen Brüder“

Die Spandauer Wilhelmstadt. Ehemals ein gutbürgerliches Wohnviertel aber nun gekippter Stadtteil. Genau hier sitzt Öner in einem zehn Quadratmeter kleinen Büro. Jede freie Ecke ist vollgestopft mit Trikots, Plakaten, Fußbällen. AndenWänden hängen unterschriebene Bilder und Trikots von Stars wie Boateng, Ben-Hatira, Dejagah und vielen anderen. Die Vereinsfarben der Trikots sind das Who is Who des internationalen Fußballs: Bayern, Real, Fulham, Arsenal, Deutsche Nationalmannschaft. Ein paar Fußballschuhe mit Unterschrift des Hannover 96-Stars Manuel Schmiedebach liegen fast schon achtlos auf einem Karton mit Sportleibchen. Bilder von Öner, wo er den Bambi hält, Boateng inmitten von staunenden Kids, Ben-Hatira in der Fan-Kurve im Olympiastadion beim Shakehands mit seinen Jungs. Tickets von echten Klassikern hängen an der Wand. Spiele wie ManU gegen Man City im Old Trafford oder Liverpool gegen Man City…. Man hört förmlich die Fans „You‘ll never walk alone“ singen. Öner bemerkt meinen Blick: „Da hat Jérôme (Anm. der Red: Jérôme Boateng) einfach mal die Tickets und den Flug für 20 unserer Jungs bezahlt. Er meinte, kommt mal nach England ins Stadion. Das müsst ihr erleben.“ Und Öner erklärt, was es mit den Stars, den sogenannten „Großen Brüdern“ auf sich hat: „Der große Bruder ist eine Respektsperson. Er ist ein Vorbild für die Jüngeren.“ Der Bayern-Verteidiger und Nationalspieler Jérôme Boateng ist nicht nur einer der „Großen Brüder“; der Berliner Junge ist auch Schirmherr und Mitgründer des MitternachtsSport e.V. . Der Nationalspieler ist für die Jungs das Idol schlechthin. „Durch den direkten Kontakt mit den Jugendlichen kann ich zeigen: Auch du kannst es schaffen“, freut sich der mit Bayern erfolgreiche Spieler zu helfen. Und so bringen die „Großen Brüder“ den Glamour des Profifußballs zu ihren Kids in die Sporthallen. Mit ihrer Unterstützung für den MitternachtsSport engagieren sie sich häufig in dem Milieu, in dem die meisten als gebürtige Berliner selbst aufgewachsen sind. Mit ihrer aufgeschlossenen und herzlichen Art sind Boateng und all die anderen für die Jungs ganz nah. Vertraut wie ein Bruder, authentisch wie einer von Ihnen. „Viele Fußballstars überlegen in ihrer Freizeit nur, welche neuen Felgen sie für ihren Bentley kaufen wollen; unsere „Großen Brüder“ kommen zu uns in die Halle“, freut sich Öner über das Engagement seiner Stars. Aufgrund ihrer geerdeten Persönlichkeiten werden sie von den Jugendlichen geachtet und respektiert. Viele meinen, einer wie Boateng müsse doch nur viel Geld spenden. „Aber Boateng und all die anderen Stars können mehr: sie können die Jungs begeistern, sie motivieren. Sie spenden, zum Teil schon selber Familienväter, das wertvollste Gut, nämlich ihre wenige Zeit,“ so Öner. So oft es geht und der Spielplan es erlaubt, besuchen die „Großen Brüder“ Ben-Hatira, Boateng, Schmiedbach, Ebert, Ndjeng, Knoll, Dejagah, Cigerci und Mukhtar ihr Projekt und geben den teilnehmenden Jugendlichen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Und es gibt noch mehr prominente Unterstützer: Mesut Özil und sein Nationalmannschaftskollege Sami Khedira unterstützen den MitternachtsSport seit September 2012. Und auch Erfolgstrainer und Sympathieträger Jürgen Klopp ist seit Dezember 2012 mit dabei.

Mehr als nur Sport

Doch der MitternachtsSport bietet nicht nur Sport als Freizeitbeschäftigung und gemein-same Erlebnisse auf Augenhöhe. Das besondere Vertrauen zwischen den Jugendlichen und dem Team des MitternachtsSports ermöglicht darüber hinaus eine intensive sozialpädagogische Betreuung der jungen Menschen.
„Den Jugendlichen neue Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen und zu Eigeninitiative und Engagement zu motivieren, das weckt unseren Ehrgeiz,“ erklärt Öner sein Projekt. Und das, was Eltern, Verwandte und Lehrer mitunter erfolglos predigen, aus dem Mund eines berühmten „Großen Bruders“ werden die gleiche Worte erhört. Zu den über 200 mehr oder weniger talentierten Jungs sagt Boateng: „Ich habe Glück gehabt und von euch könnte es auch einer schaffen, wenn er jeden Tag hart trainiert. Aber die meisten von euch werden keine Profifußballer.“ Also rät er ihnen sich hinzusetzen, zu lernen, zu ackern,fleißigzusein,immereinwenigbesser zu sein als die anderen. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass es für junge Menschen mit Migrationshintergrund auch in der Multikulti-Metropole Berlin grundsätzlich alles andere als einfach ist. Boateng: „Du musst mit dem Herzen dabei sein! Das gilt im Fußball und für all das, für das man sich engagiert.“ Nur so kommen die Jungs aus dem Verliererkreislauf des Vorstadtkiezes heraus. Die „Großen Brüder“ gehen in ihren intensiven Gesprächen sogar noch weiter. Sie fragen ihre Jungs, wie die Matheklausur war. Sie fahren in der Nacht mit ihren Nobelkarossen die Kids nach Hause. Sie rufen auch mal die Lehrer an und sprechen mit ihnen über die Fortschritte ihrer Schützlinge. Die Lehrer können es meistens nicht glauben und vermuten zuerst einen Telefonscherz, wenn sich einer der Fußballstars bei ihnen meldet.

Helfen kann jeder

Die Augen von Öner strahlen, während mein Diktiergerät seine vielen Geschichten rund um den MitternachtsSport, um den Problemkiez Spandau und das Engagement der „Großen Brüder“ aufnimmt. Er ist von der guten Sache überzeugt und auch besonders überzeugend. Er bietet viele Gründe, den MitternachtsSport als Sponsor zu unterstützen: „Ob Sie nur die Welt ein bisschen verbessern wollen, sich Werbewirkung und öffentliche Aufmerksamkeit versprechen oder ihr Steuerberater händeringend um Spendenquittungen bittet: Ihr Engagement zahlt sich für Sie in jedem Fall aus.“ Es ist kaum zu glauben. Öner wurde schon für sein Engagement in Sachen Prävention und Integration von der Bundesregierung zum Botschafter für Demokratie und Toleranz gekürt, er bekam vor einem Millionen-Publikum den BAMBI überreicht, er hat Auszeichnungen vom DFB erhalten und durfte per Videokonferenz mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel höchstpersönlich sprechen. Und doch weiß Öner nicht, wie er nach 2014 sein Projekt weiter finanzieren soll, da alle aktuellen Zuwendungen auslaufen. Und so rührt er kräftig die Werbetrommel: „Das Projekt ist prädestiniert für Social Sponsoring.“ Zweckgebundenes oder freies Finanzsponsoring kämen für Öner in Frage und könnten viel helfen und bewirken: „Ein MitternachtsSport-Turnier in Ihrem Namen, neue Trikots/T-Shirts, Hosen oder Trainingstaschen mit Ihrem Logo.“ Auch Sach- und Dienstleistungssponsoring ist willkommen: Ein leckeres Buffet aus der Restaurant-Küche oder der Kantine für eine Jubiläums-Veranstaltung. Ein Satz Handtücher oder Sportsachen aus Lagerbeständen, auch mit kleinen Dingen können Helfer beim Mitternachts-Sport ganz groß ankommen. Ob beim gemeinsamen Kicken weit nach Mitternacht oder mit einer Einladung nach Liverpool oder München. Jérôme Boateng und all anderen „Großen Brüder“ engagieren sich jedenfalls für ihren Verein und ihr Projekt. Wie auch viele weitere Unterstützer hinter MitternachtsSport. Machen Sie doch auch mit.

#14/April 2014

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