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Cyber-Policen bisher eher enttäuschend

Cyber-Policen bisher eher enttäuschend

Die Leistungsunterschiede verschiedener gewerblicher Cyber-Versicherungen sind enorm. Unter den 35 Tarifen und Bausteinkonzepten, die auf dem deutschen Markt von 28 Gesellschaften angeboten werden, gibt es außerdem nur wenige Top-Tarife.

So das erste Rating für gewerbliche Cyber-Policen vom Ratinghaus Franke und Bornberg.

Risikobewusstsein hat zugenommen

Bereits seit rund 8 Jahren stehen gewerbliche Cyber-Versicherungen auf dem deutschen Markt zur Verfügung. Als ursprüngliche Versicherungslösung für industrielle Risiken auf Basis US-amerikanischer Deckungskonzepte fristeten diese neuartigen Versicherungsprodukte eher ein Nischendasein – bis nach den großen Cyber-Attacken des Jahres 2015 das Risikobewusstsein für „virtuelle“ Gefahren erheblich zugenommen hat.

Erhebliche Unterschiede

Allerdings sind auch heute nur wenige Versicherer bereit, Kunden gegen Cyber-Risiken zu versichern, denn immer noch gelten netzbasierte Gefahren als unberechenbar. Nicht zuletzt, da den Versicherern auch kaum notwendige Erfahrungswerte zur Risikokalkulation vorliegen. Trotzdem ist rund eine Million Versicherungsschutz bereits für rund 1000 Euro im Jahr zu bekommen. Allerdings bei erheblichen Unterschieden bezüglich des Deckungsumfangs sowie im Aufbau und Umfang der Cyber-Bedingungen.

Kaum einheitliche Standards

Die Franke und Bornberg Research stellt fest, dass dadurch die Konsequenzen im Versicherungsfall unter Umständen gravierend sein können. Das Ziel des Ratings war deshalb auch, in diesem jungen und dynamischen Markt der Cyber-Policen erstmals Orientierung zu bieten. Fehlende einheitliche Standards erschweren jedoch einen schnellen Überblick – der Analyst beobachtet eine „babylonische Sprachverwirrung„, da die Versicherer die unterschiedlichsten Begriffe unter eindeutigen und eher weniger klaren Definitionen verwenden.

Unterschiedliche Bewertungen

So ist überwiegend die Rede von IT- und Netzwerksicherheitsverletzungen, Hacker- und Cyber-Angriffen, Cyber-Einbrüchen, -Attacken, -Rechtsverletzungen oder -Sicherheitsvorfällen. Die meisten dieser Begriffe beschreiben zwar ähnliche Zustände, werden von den Versicherern jedoch unterschiedlich bewertet – was wiederum für Vermittler und Kunden zu unabsehbaren Konsequenzen im Schadensfall führen kann.

Vorsicht vor Einschränkungen

So führen die Analysten u.a. als Beispiel einen Cloud-Ausfall an, der von einigen Policen abgedeckt wird. Allerdings verrät das Kleingedruckte der AGBs, dass zum Beispiele Cloud-Ausfälle von Saas-Diensten (Software as a Service) ausgeschlossen sind, bei einigen Policen lediglich DoS-Angriffe (Denial of Service) auf Cloud-Anbieter versichert werden. Als Einschränkung erkennen viele Versicherer auch Angriffe auf den Betreiber der Cloud, die in Folge dann zu Betriebsunterbrechungen beim Versicherten führen kann – und schränken den Versicherungsschutz stark ein oder schließen derartige Schäden gänzlich aus.

Hausaufgaben machen!

Bornberg und Franke regen an, dass Vermittler grundsätzlich das Geschäftsmodell ihrer Kunden verstehen müssen, um dann aufgrund der technischen und organisatorischen Betriebsvoraussetzungen eine realistische Risikoanalyse ermitteln können. So ist das Cyber-Risiko eines kleinen Buchhändlers, der auch im Onlinevertrieb tätig ist, wesentlich anders zu bewerten als das Risiko eines Blumenladens ohne Onlineaktivität.

Kein Produkt mit Top-Rating

Grundlage des Ratings sind selbst recherchierte Daten. Als Basis wurden die Haus-Wordings der Versicherer genutzt, inklusive den standardisierten Klauselbögen und Sidelettern. Dem Rating zugrunde liegen insgesamt 34 Cyber-Tarife für Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) von 28 Gesellschaften. Diesen wurden insgesamt 115 Ratingkriterien in 21 Bereichen unterzogen. Hauptsächlich analysiert wurden Merkmale, die für die Mehrheit der KMUs relevant sind und die von bisherigen Haftpflicht- und Sachversicherungslösungen ausgeschlossen werden. Dabei hat keines der analysierten Versicherungsprodukte das Top-Rating FFF+ erreicht.

Analyst ist optimistisch

Der Analyst gibt sich jedoch für die Zukunft optimistisch. Denn erfahrungsgemäß haben die Franke-und-Bornberg-Ratings spürbaren Einfluss auf die Produktentwicklung der Versicherungen. So wird angenommen, dass sich das Leistungsniveau und die Formulierungen in dieser Sparte bereits im kommenden Jahr spürbar verbessern wird. Schließlich ist eine einheitliche Bildung von Standards in Kernbereichen wichtige Voraussetzung für Umsatzwachstum neuer Produktfelder.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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