Produktiv

Arbeitszeugnisse sind kein Teufelszeug

Arbeitszeugnisse sind kein Teufelszeug

Viele Gerüchte ranken sich um Arbeitszeugnisse. Angeblich haben Vorstände, Personaler und Geschäftsführer eine Art „Geheimsprache“ vereinbart, um auch über vermeintlich positive Aussagen Bewerber zu demaskieren. Tatsächlich sind bestimmte Formulierungen mit Benotungen zu vergleichen – nicht mehr und nicht weniger.

Das Prinzip der Konkurrenz und des Wettbewerbs widerspricht bereits angeblichen „geheimen Codes“ der Unternehmer, um sich gegenseitig vor schwierigen Mitarbeitern zu warnen.

Geheimzeichen und Verschwörungstheorien

Vor kurzem zog eine Ex-Mitarbeiterin ihren ehemaligen Arbeitgeber vor Gericht, weil sie mit ihrem Arbeitszeugnis nicht einverstanden war. Mit den Formulierungen war sie jedoch einverstanden, es ging ihr um die Form des Dokumentes; genauer gesagt um die Lochung des Papiers. Hierin sah sie nämlich ein „unzulässiges Geheimzeichen“ – und unterlag mit ihrer Klage. Der betroffene Bauunternehmer argumentierte, dass gelochtes Papier in seiner Branche durchaus Standard und seit Jahren bereits üblich sei.

Grenzen des Formalen

Der Richter bestätigte, dass ein Arbeitszeugnis sowohl inhaltlich, als auch formell korrekt sein muss. Allerdings kann ein Arbeitnehmer nicht verlangen, welches Papier, Papierformat oder was für eine Schriftart vom Arbeitgeber verwendet wird. Und auch bezüglich des Arbeitszeugnisses kommt es durchaus auch auf die üblichen Gewohnheiten der Branche an. So ist nicht zu beanstanden, wenn das Zeugnis eine kleinen Handwerkbetriebes sich von dem eines internationalen Konzerns unterscheidet.

Interessante Formulierungen

Interessanter sind da schon die erwähnten Formulierungen. So ist bereits in der Gewerbeordnung festgeschrieben, dass ein Arbeitszeugnis klar und verständlich formuliert sein muss und über keinen anderen Merkmale oder Formulierungen verfügen darf, die über den Zweck der ersichtlichen Aussage über den Arbeitnehmer hinausgehen. Versteckte Zeichen und geheime Codes sind also unzulässig – wenn auch bestimmte Ausdrücke „durch die Blume“ etwas anderes aussagen können, als der Betroffene es auf den ersten Blick erkennt.

Komponenten eines Arbeitszeugnisses

Schmähungen, Beleidigungen und versteckte Diskriminierungen werden allerdings nie in einem seriösen Arbeitszeugnis zu finden sein. Mit netten Formulierungen, die alles andere als nett gemeint sind, sollte man jedoch schon rechnen. Grundsätzlich besteht die Struktur eines ordentlichen Arbeitszeugnisses aus den Komponenten Überschrift, Aufgabenbeschreibung, Leistungsbeurteilung, Verhalten sowie der Begründung der Beendigung des Arbeitsverhältnisses (soweit es sich nicht um ein Zwischen-, Ausbildungs- oder Praktikumszeugnis handelt). Ergänzt werden kann das Arbeitszeugnis noch durch eine Danksagung und/ oder Zukunftswünschen. Ort, Name und Unterschrift als Abschluss sind obligatorisch.

Feinheiten der Formulierungen

Die Formulierungen dieser Kernkomponenten unterscheiden sind meistens nur marginal, können sich aber in der Aussage deutlich unterscheiden. Wird bescheinigt, zur „vollsten Zufriedenheit“ tätig gewesen zu sein, kommt dies der Schulnote „sehr gut“ gleich. Zur „vollen Zufriedenheit“ ist nur noch ein „gut“, ist davor ein „stets“ zu lesen, rutscht die Bewertung auf ein „befriedigend“. „Zu unserer Zufriedenheit“ ist nur noch „ausreichend“ und wenn der Chef „im Großen und Ganzen“ eine Zufriedenheit ausdrückt, entspricht dies einem „mangelhaft“. Schließlich als „ungenügend“ werden die Leistungen beurteilt, wenn diese nur zur „Zufriedenheit zu erledigen versucht“ wurden.

Blumige Abstufungen

Darüber hinaus arbeiten überwiegend Personaler mit Formulierungen, die mehr auf die Individualität des Mitarbeiters eingehen. Wem bescheinigt wird, als „aufgeschlossenes Wesen bei Mitarbeitern gern gesehen“ war, könnte von Anderen durchaus als Nervensägen bezeichnet werden, die hauptsächlich andere von der Arbeit abhielt. Wer „alle Arbeiten ordnungsgemäß erledigt“ hat, war offensichtlich eher überzeugt vom Konzept des „Dienstes nach Vorschrift“, als von der eigenen Initiative. Und wer als „anspruchsvoller und kritischer Mitarbeiter“ in die Annalen der Firma einging, war dort vermutlich als ewiger Nörgler berüchtigt.

Schiefe Wahrnehmung

Aber nicht nur durch bestimmte Formulierungen werden negative Beurteilungen kaschiert, sondern auch durch die Kunst der Verknappung – wenn beispielsweise das Verhältnis zu Vorbesetzen im gesamten Arbeitszeugnis nicht angesprochen wird, kann der routinierte Leser durchaus davon ausgehen, dass es einfach kein Verhältnis zwischen dem Mitarbeiter und seinen Vorgesetzten gab; zumindest kein gutes. Doch wie können sich Mitarbeiter, die sich völlig falsch bewertet fühlen, gegen ihr Arbeitszeugnis wehren? Grundsätzlich sind Negativzeugnisse nicht zulässig, weshalb auch Arbeitsgerichte jährlich mit tausenden von Fällen in Deutschland zu tun haben, bei denen es genau darum geht. Allerdings ist auch hier im Vorteil, wer die Beweislast auf seiner Seite sieht.

Folgende Punkte überprüfen

Denn wessen Fehlverhalten durch Abmahnungen (oder schlimmeren) dokumentiert ist, sollte von entsprechenden Erwähnungen in seinem Arbeitszeugnis ausgehen. Ist dies nicht der Fall, darf das Zeugnis (und die dort enthaltenen Formulierungen) nicht schlechter als die Schulnote „befriedigend = 3“ sein. Alles andere kann juristisch vor Gericht angefochten werden – und im Zweifelsfall von beiden Seiten begründet werden. Bevor geklagt wird, sollten zuvor dringend folgende Punkte überprüft werden:

Formalien und Daten prüfen

Ein Arbeitszeugnis muss über alle korrekten Daten verfügen und darf keine formellen Fehler haben. Auch sollte geprüft werden, ob der korrekte Firmenkopf verwendet wird und ob tatsächlich auch der verantwortliche Chef selbst unterschrieben hat – falls hier bereits Fehler vorliegen, können diese aus Nachlässigkeit oder böser Absicht erfolgt sein.

Tätigkeitsbeschreibung prüfen

Aus der Tätigkeitsbeschreibung im Arbeitszeugnis muss klar hervorgehen, welche Tätigkeiten genau ausgeübt wurden. Dazu gehört eine gesonderte Beschreibung besonders qualifizierender Tätigkeiten. Besonders betont werden sollte Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Verantwortungsbereich. Führungstätigkeiten und Personalverantwortung sollte hervorgehoben sein.
Aus der Tätigkeitsbeschreibung im Arbeitszeugnis muss klar hervorgehen, welche Tätigkeiten genau ausgeübt wurden. Dazu gehört eine gesonderte Beschreibung besonders qualifizierender Tätigkeiten. Besonders betont werden sollte Eigeninitiative, Selbstständigkeit und Verantwortungsbereich. Führungstätigkeiten und Personalverantwortung sollte hervorgehoben sein.

Allgemeinformulierungen prüfen

Sämtliche Beschreibungen sollten auf die bereits erwähnten Formulierungen „abgeklopft“ werden. Formulierungen, die positive Formulierungen einschränken, sollten umgehend moniert werden. Wer sich missverstanden fühlt oder Formulierungen unklar interpretiert, sollte das Gespräch mit den Verantwortlichen suchen.

Zukunftswünsche prüfen

Der Teufel im Detail befindet sich auch in der Erwähnung von Kündigungsgründen. Wenn die Position vom Arbeitnehmer selbst gekündigt wurde, sollte dies im Zeugnis auch so kommuniziert werden. Wenn dieses Thema jedoch überhaupt nicht oder nur sehr wortkarg abgehandelt wird, sehen manche hier deutliche Zeichen, dass das Arbeitsverhältnis nicht gerade im Guten auseinander ging.

Dialog suchen

Bevor ein misslungenes Arbeitszeugnis jedoch zu teuren und langwierigen Prozessen führt, sollte der offene Dialog mit Personaler, Chef und (wenn vorhanden) Betriebsrat gesucht werden. In vielen Fällen sind Formulierungen und Fehler nämlich nur versehentlich entstanden, die „Unterschlagung“ besondere Leistungen und Tätigkeiten muss nicht zwingend böswillig entstanden sein. Oft hilft es bereits, aktiv mit dem Vorschlag bestimmter Punkte und Aspekte an der Gestaltung des Zeugnisses mitzuwirken.

Selbstständig und in Handarbeit das eigene Arbeitszeugnis zu „optimieren“ ist die schlechteste Idee. Auch sollte man nicht denken, bei der nächsten Bewerbung einfach auf das Arbeitszeugnis zu verzichten. Gerade für Personaler ist ein fehlendes Zeugnis meist ein deutliches Zeichen potenzieller Unstimmigkeiten.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Newsletter abonnieren
Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.

Send this to a friend