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Harter Wettbewerb nach Öffnung der Telemedizin

Expecting Pregnant Woman Video Conferencing

Nach Lockerung des Fernbehandlungsverbotes und Öffnung des deutschen Gesundheitssektors für die Telemedizin zeichnen sich bereits Konkurrenzkämpfe zwischen Konzernen und Interessengruppen ab.

Die Patienten können dabei eigentlich nur gewinnen.

Befürchtungen ungleicher Chancen

Im deutschen Gesundheitssektor werden jährlich rund 300 Milliarden Euro umgesetzt. Nun fürchten die nationalen Player, dass dieser Kuchen erheblich kleiner werden könnte. Denn durch zunehmende Verbreitung der Telemedizin bereiten sich auch amerikanische IT-Konzerne wie Google, Microsoft und Apple darauf vor, auf den deutschen Gesundheitssektor vorzudringen. Die Beteiligten fürchten ungleiche Chancen. Deshalb hat die Bundesärztekammer eine Öffnung des sogenannten „Fernbehandlungsverbots“ angeregt.

Provinzielle Modellversuche

Nach diesem „Fernbehandlungsverbot“ dürfen Ärzte neue Patienten ausschließlich nach einem vorherigen persönlichen Gespräch behandeln. Videosprechstunden sind deshalb bisher nur möglich, wenn der Patient beim fernbehandelnden Arzt zuvor persönlich bekannt ist. Ausnahme: Baden-Württemberg. Dort laufen recht erfolgreich zwei Modellprojekte der Landesärztekammer, die Ärzten erlaubt, auch unbekannte Patienten online zu beraten. Aufgrund der Hoffnung, dass die Telemedizin probates Mittel gegen den strukturellen Ärztemangel in ländlichen Regionen ist.

Google, Microsoft und Apple warten auf das deutsche Startsignal

Der amerikanische Markt ist nicht mit den provinziellen Modellversuchen Deutschlands zu vergleichen. Hinter den beiden Marktführern auf dem Sektor der Telemedizin stecken zwei IT-Riesen: Google Ventures unterstützt und finanziert „Doctor on Demand“, Microsoft mischt bei MDLive mit. In wenigen Jahren erwarten Branchenbeobachter, dass beide Player auch in Deutschland angekommen sind.

Nicht mit dem deutschen Markt vergleichbar

Allerdings gibt es für deutsche Mitbewerber auch Hoffnung. Patrick Palacin, Mitgründer und Vorstand des Münchener Telemedizin-Pioniers „Teleclinic“ betont, dass es auch Hindernisse auf dem deutschen Markt für amerikanische Riesen gibt. Die Komplexität und die Besonderheiten des deutschen Gesundheitswesens stellen für ausländische Mitbewerber eine außerordentlich hohe Eintrittshürde dar. Der Mediziner Felix Schirmann, Leiter des operativen Geschäfts beim Berliner Startup für Online-Sprechstunden „Patentus“, stimmt da zu. Außerdem sind die amerikanischen Patienten Selbstzahler und deshalb wäre der Markt dort für Startups wesentlich lukrativer als in Deutschland, wo ein starres Kassensystem Grundlage für medizinische Leistungen ist.

Weitere Hürden

Ein weiteres heikles Thema ist der Datenschutz. Die Attraktivität und der Erfolg von Internetanbietern im medizinischen Bereich hängt davon ab, wie die Nutzer deren Umgang mit dem Thema Datenschutz beurteilen. Alle Beteiligten sind sich dennoch einig, dass es gut ist, das Fernbehandlungsverbot zu lockern. Trotzdem wird es in Deutschland keinen ausschließliche, sondern lediglich Videosprechstunden geben, die den klassischen und persönlichen Arztbesuch ergänzen. Und schließlich gibt es noch das Hemmnis der Gebührenordnung. Denn obwohl Ärzte in Baden-Württemberg seit vergangenem Jahr Bestandspatienten per Videoschalte beraten dürfen, hält sich das Interesse der Ärzte aufgrund der verhältnismäßig geringen Vergütung in Grenzen. Letztlich wird über den Erfolg und Misserfolg der Telemedizin in Deutschland der Patient entscheiden. „Am Ende werden die Patienten buchstäblich mit dem Smartphone abstimmen“, so Felix Schirmann.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

2 Kommentare

  1. Leider ist der Autor schlecht informiert und informiert schlichtweg falsch und irreführend, wenn er schreibt: „ Trotzdem wird es in Deutschland keinen ausschließliche, sondern lediglich Videosprechstunden geben, die den klassischen und persönlichen Arztbesuch ergänzen.“

    Genau dies ist nämlich in Deutschland längst erlaubt wie ein Blick in die hierzu bereits 2015 von der Bundesärztekammer veröffentlichten „Hinweise und Erläuterungen zu § 7 Absatz 4 MBO-Ä (Fernbehandlung)“ für jeden verständlich erläutern. Dort heißt es auf S. 2:

    „Berufsrechtlich ist die Fernbehandlung lediglich als ausschließliche Form der ärztlichen Beratung und Behandlung unzulässig. Als Ergänzung einer ‚herkömmlichen‘ Behandlung durch den Einsatz von Print- und Kommunikationsmedien unter physischer Präsenz des Arztes beim Patienten ist sie rechtlich nicht zu beanstanden.“

    Außerdem ist Fernbehandlung in Form von Video-Sprechstunden Ärzten nicht nur auch heute schon überall in Deutschland gestattet, Ärzte können sie seit 01.04.2017 unter bestimmten Voraussetzungen auch als Kassenleistung abrechnen. Siehe dazu entsprechende Informationen auf der Webseite der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV):

    Bisher ist durch die ärztlichen Berufsordnungen lediglich die ausschließliche Fernbehandlung untersagt. Und genau diese steht auf der Tagesornung des nächsten Deutschen Ärztetages im Mai 2018.

    Man würde sich freuen, wenn ein Autor diese, durch einfaches Googeln leicht erlangbaren, Informationen korrekt verarbeiten und dann korrekt darstellen würde…

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