Progressiv

Vier Punkte, um eigene Chancen im Fintech-Boom zu erkennen

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Das vergangene Jahr stand erst für den Anfang von Fintechs im Versicherungsbereich. So hat sich das Volumen von Wagniskapitalinvestitionen in Fintech-Unternehmen im Versicherungssektor im Vergleich zu 2014 vervierfacht.

Die drei Buchautoren Roger Peverelli, Reggy de Feniks und Walter Capellmann sind sich in ihrem Buch „Wie sich die Finanzbranche neu erfindet“ sicher, dass es in diesem Jahr zu einem regelrechten Boom bei den Insurtechs kommt. Dabei stehen vier Faktoren im Mittelpunkt dieser aufregenden Entwicklung, bei denen es sich eigentlich um Schwachstellen der Versicherer handelt. Aber jeder einzelne dieser Faktoren beweist, zumindest nach Auffassung jener Autoren, dass die Notwendigkeit zunimmt, die digitale Transformation der Versicherungsbranche zu beschleunigen. Wenn dazu die Gesellschaften selbst nicht in der Lage sind, stehen immer mehr Unternehmer und Entwickler in den Startlöchern, um den Versicherungsmarkt unter sich aufzuteilen.

Faktor 1 – das Kostenniveau

Die Übertragung eines Haftungsrisikos von einem Verbraucher auf einen Versicherer ist ein sehr kostenintensives Unternehmen. Zwischen 20 und 40 Prozent der eingezahlten Versicherungsprämien werden für Verwaltungs-, Vertriebs- und Betreuungskosten verbraucht. Es verbleiben also lediglich 60 bis 80 Prozent der Einnahmen für die Versicherungsleistungen selbst. Versicherungen sind deshalb immer bestrebt, noch effizienter zu wirtschaften. Zwangsläufig kommt es dabei zu strengeren Aufnahmerichtlinien, stärkeren Risikoreduzierungen, einem optimaleren Schadenmanagement und dem noch kosteneffizienteren Service. Der Bedarf an digitalen Controllingwerkzeugen wird rasant ansteigen, die Verknappung von Entwicklern leistungsstarker Fintech-Lösungen jedoch immer mehr zunehmen.

Faktor 2 – die Neuentdeckung der Kundenbindung

Viele Versicherungskunden erleben Unstimmigkeiten und Enttäuschungen. Während sich die meisten vor Leistung ihrer Unterschrift noch umworben fühlen, wähnen sich manche dann anlässlich der späteren Regulierung einer Art Behörde untergeordnet: Versicherungen arbeiten nämlich immer noch mit viel Papier und den eher traditionellen Vertriebskanälen, bieten überwiegend gleichförmige Produkte, die auf Durchschnittszahlen basieren. Und ausgerechnet die Erfahrungen solcher unzufriedener Kunden können dazu führen, dass eher branchenfremde Startups auf den Markt drängen und schließlich passende Konzepte umsetzen. Die Gründer von „Oscar“, einem erfolgreichen Krankenversicherer-Startup aus New York, betonen, ihr Unternehmen nicht etwa gegründet zu haben, weil sie Krankenversicherungen lieben würden, sondern weil vielmehr das Gegenteil der Fall war. Der Versicherungsmarkt ist gerade aufgrund vieler Unzulänglichkeiten attraktiv und lukrativ – insbesondere für branchenfremde Unternehmer, Investoren und Entwickler. Dies sollten auch die großen Versicherungsgesellschaften nie vergessen.

Faktor 3 – das „Internet der Dinge“ ist für viele noch Neuland

Von autonomen Fahrzeugen über ferngesteuerte Haustechnik bis hin zur vernetzten Gesundheitskontrolle – das „Internet der Dinge“, die Nutzung globaler Datenleitungen als Analyse- und Steuerkanäle, produzieren eine Flut von Daten, die auch zu einer effektiven Risikobewertung nutzbar gemacht werden können. Da gerade in Deutschland große Ängste und starke Vorbehalte gegen die Datennutzung durch Dritte bestehen, ist mit einer entsprechenden Entwicklung nur sehr zögerlich zu rechnen. So sind europaweit lediglich erste Projekte mit vernetzten Fahrzeugen durchgeführt worden, die sich auf die Verwendung von Telematikdaten für ein Risiko- und Schadenmanagement beschränkten. Erste gesundheitsfördernde E-Health-Angebote einiger Krankenkassen wurden bereits, begründet aus reinem Dogmatismus, von Daten- und Verbraucherschützern juristisch torpediert. So kann die innovative Entwicklung neuer Produkte sowie die Erschließung frischer Einkommensquellen nur eher zögerlich stattfinden. Nationale Startups, die auf Basis eines „Internet der Dinge“ neue Produkte und Dienstleistungen entdecken und entwickeln, sind verhältnismäßig selten und entsprechend klein. Auf der anderen Seite befinden sich allerdings Konzerne und Technologieunternehmen wie Amazon, Apple, Google, Microsoft und viele andere, die das „Internet der Dinge“ schon längst für sich entdeckt und es zu einem Schwerpunkt ihrer Strategie erhoben haben.

Faktor 4 – die eingeschränkte Innovationsgeschwindigkeit

Im Vergleich mit anderen Branchen ist das Bedürfnis nach Veränderung in der Versicherungsbranche traditionell eher gering. Der Katzenjammer war nach den Erfolgen konkurrierender Vergleichsportale wie Check24, Comparis.ch, Moneysupermarket.com und anderen dementsprechend laut. Zumindest dürften nun auch die konservativsten Vorstände erkannt haben, dass sich die Dynamik im Markt grundlegend verändert hat. Die lukrative Rentabilität zwischen Gesellschaften, Maklervertrieben und freien Beratern hatte bisher dazu geführt, dass innovative Ideen eher unterdrückt, als gefördert wurden. Aufgrund steigender Ansprüche und Erwartungen der Kundenseite haben nun auch die letzten Versicherungsunternehmen erkannt, dass der technologische Sprung ins 21. Jahrhundert alternativlos ist – ohne digitaler DNA jedoch immense Marktanteile an jüngere Konkurrenten verloren werden – die nämlich durch den strategischen Einsatz von Fintech-Tools mit Kosteneffizienz und Servicevorteilen stärkere Gewinne erzielen.

gelernter Journalist und MM-Prod.(FH), Jahrgang 1971, seit Dezember 2015 Redaktionsmitglied der proVision.

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